Bildungsdifferenzen und Missionstätigkeit

 

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Durch eine Analyse der geschlechtsspezifischen Sterblichkeitsunterschiede in bayerischen Frauen- und Männerklöstern konnte gezeigt werden, dass die seit dem Zweiten Weltkrieg stattgefundene kontinuierliche Vergrößerung der männlichen Übersterblichkeit allein auf verhaltens- und umweltbedingte Ursachen und nicht auf biologische Faktoren zurückgeführt werden kann (siehe Mortalitätsdifferenzen der Geschlechter). Die Ergebnisse dieser Studie könnten jedoch durch zwei Faktoren verzerrt worden sein. In die Analyse der geschlechtsspezifischen Sterblichkeitsunterschiede der bayerischen Klosterbevölkerung wurden im Gegensatz zu allen früheren Klosterstudien die Missionarinnen und Missionare mit eingeschlossen. Allerdings wurde die gängige Annahme, dass Missionstätigkeit die Überlebensverhältnisse verschlechtere, mit Ausnahme einer Arbeit von Boldrini und Uggé (1926, siehe frühere Klosterstudien), die jedoch aufgrund eines fragwürdigen methodischen Vorgehens nicht aussagekräftig ist, vor der bayerischen Klosterstudie noch nie konkret untersucht. Sollten sich die Überlebenswahrscheinlichkeiten der missionierenden Ordensmitglieder von jenen der übrigen Nonnen und Mönche geschlechtsspezifisch unterscheiden, dann würde das die allgemeine Gültigkeit der Resultate in Frage stellen, zumal die Anteile der Missionare in Frauen- und Männerklöstern nicht identisch sind (siehe entsprechende Zahlen für die in zwei ausgewählten Beobachtungsperioden lebenden Ordensmitglieder in unten stehender Tabelle).

Eine weitere Verzerrungsmöglichkeit besteht in der Tatsache, dass sich die Bildungsstrukturen von Kloster- und Allgemeinbevölkerung unterscheiden, da der Anteil der höher Gebildeten, vor allem bei den Männern, in der Klosterbevölkerung wesentlich höher ist als in der Allgemeinbevölkerung (siehe unten stehende Tabelle). Aus der Literatur ist die positive Korrelation zwischen Bildung und Lebenserwartung sehr gut bekannt. Dabei bleibt jedoch ungeklärt, ob es sich beim Faktor Bildung tatsächlich um eine Mortalitätsdeterminante handelt oder lediglich um einen Indikator für einen oder mehrere andere die Überlebensverhältnisse beeinflussende Faktoren wie Beruf, Einkommen oder soziale Schichtzugehörigkeit. Sollten aber die Überlebenschancen der Personen mit höherer Bildung allein aufgrund dieses Faktors größer sein, dann könnte dies für die beobachteten Unterschiede zwischen Mönchen und Männern der Allgemeinbevölkerung mehr verantwortlich sein als die unterschiedlichen Lebensstile und Umweltbedingungen von Kloster- und Allgemeinbevölkerung.

 

 

 

Klosterfriedhof der Missionsbenediktiner in St. Ottilien

 

 

Die hierzu durchgeführten Analysen zeigen jedoch, dass die Ergebnisse der Bayerischen Klosterstudie durch die Faktoren Bildung und Missionstätigkeit nicht beeinträchtigt werden. Während Bildung per se in der Klosterbevölkerung, in der sich die Lebensstile der Mitglieder nicht in Abhängigkeit vom Bildungsgrad unterscheiden, keinen Einfluss auf das Sterblichkeitsniveau besitzt, würde ein Ausschluss der Missionarinnen und Missionare aus der Analyse der Klosterbevölkerung sogar zu einer weiteren Reduktion der männlichen Übersterblichkeit führen. Während nämlich die missionierenden Ordensmitglieder in den Männerklöstern die erwartete höhere Sterblichkeit im Vergleich zu den übrigen Mönchen aufweisen, zeigt sich bei den Nonnen bayerischer Klöster das genau umgekehrte Bild. Die spezielle Auswahl der gesünderen Schwestern für die Missionstätigkeit und die hohe Tuberkulose-Sterblichkeit der nicht in Mission tätigen Nonnen (siehe auch Mortalitätsdifferenzen der Geschlechter und Ergebnisse früherer Klosterstudien) sorgen dort für ein insgesamt günstigeres Überleben der in Entwicklungsländern tätigen Nonnen. Unten auf dieser Seite finden sich die Ergebnisse einer entsprechenden Cox-Regression, in der die Resultate der umfangreichen Analysen in der genannten Arbeit zusammenfasst werden sowie zwei Abbildungen der Überlebenskurven (Sterbetafeln) für Patres (Mönche mit Hochschulreife) und Laienbrüder (Mönche mit niedrigerem Bildungsgrad) der Geburtskohorten 1850-1899 und 1900-1949, die verdeutlichen, dass der Bildungsgrad die Überlebensverhältnisse der bayerischen Mönche nicht beeinflusst.

 

 

Literatur:

Luy, Marc (2003): „Warum Frauen länger leben – wird ein Vergleich der Sterblichkeit von Kloster- und Allgemeinbevölkerung durch Bildungsgrad und Missionstätigkeit der Ordensmitglieder beeinflusst?“, Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 28 (1): 5-35.

 

 

In den jeweiligen Beobachtungszeiträumen in den erfassten bayerischen Frauen- und Männerklöstern lebende Ordensmitglieder nach Missionstätigkeit und Bildungsgrad

 

Female and male members of Bavarian cloisters in the observation periods according to missionary work and education level

 

 

Missionstätigkeit

Bildungsgrad

 

In Mission

Nicht in Mission

Höhere Bildung

Niedrigere Bildung

Periode 1910/40

 

 

 

 

Nonnen absolut

341

3.936

979

2.373

Nonnen in %

8,0

92,0

29,2

70,8

Mönche absolut

548

1.100

766

882

Mönche in %

33,3

66,7

46,5

53,5

 

 

 

 

 

Periode 1955/85

 

 

 

 

Nonnen absolut

474

3.567

1.214

2.569

Nonnen in %

11,7

88,3

32,1

67,9

Mönche absolut

588

1.169

950

807

Mönche in %

33,5

66,5

54,1

45,9

 

Die benötigten Informationen bezüglich der Missionstätigkeit sind für alle erfassten Ordensmitglieder bekannt; bezüglich des Bildungsgrades gilt dies nur für die erfassten Männerklöster

 

 

Cox-Regression zur Bestimmung des Einflusses von Missionstätigkeit und Bildungsgrad auf die Sterblichkeit der bayerischen Nonnen und Mönche unter Kontrolle von Eintrittsalter und Geburtskohorte

 

Cox-Regression to estimate the impact of missionary work and education level on the mortality of Bavarian nuns and monks by statistical control for age at entry and birth cohort

 

 

Nonnen 1910/40

Nonnen 1955/85

Mönche 1910/40

Mönche 1955/85

Eintrittsalter

1,0974 ***

1,1140 ***

1,0457 ***

1,0607 ***

Geburtskohorte

0,9455 *

0,9824

0,8212 ***

0,8163 ***

Missionstätigkeit

0,7236 ***

0,8091 *

2,6219 ***

2,1136 ***

Bildungsgrad

0,9566

0,9752

1,0049

1,1574

 

* p < 0,05   ** p < 0,01   *** p < 0,001

 

 

Sterbetafeln für Patres und Laienbrüder bayerischer Klöster,

Geburtskohorten 1850-1899

 

Survivorship Curves for Fathers (Patres) and Brethren (Laienbrüder) of

Bavarian Monasteries, Birth Cohort 1850-1899

 

Abb. 6

 

Sterbetafeln für Patres und Laienbrüder bayerischer Klöster,

Geburtskohorten 1850-1899

 

Survivorship Curves for Fathers (Patres) and Brethren (Laienbrüder) of

Bavarian Monasteries, Birth Cohort 1850-1899

 

Abb. 7

 

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 Dr. Marc Luy, Senior Scientist am Vienna Institute of Demography

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